DETAIL: In jüngster Zeit haben Sie mit Hochhäusern auf sich aufmerksam gemacht. Der Estrel-Tower soll das höchste Gebäude Berlins werden. Haben Sie keine Lust mehr auf Industriegebäude?
Frank Barkow (lacht): Der Eindruck täuscht. In den letzten zwei Jahren haben wir für HAWE unser bisher größtes Produktionswerk und mehrere ebenfalls interessante Industriehallen für Trumpf gebaut. Aber natürlich weckt der Wettbewerbsgewinn für das höchste Haus Berlins mehr Medieninteresse als die Eröffnung einer Fabrik auf dem Land. Selbst der kleine »Fellows Pavilion« für die Stipendiaten der American Academy in Berlin wird wahrscheinlich international mehr Beachtung finden als die vier riesigen Produktionshallen in Kaufbeuren, an denen täglich tausende Autofahrer vorbeifahren.
Heißt das, Industriebau ist undankbar für die Architektenkarriere?
Frank Barkow: In gewisser Weise kann man das bestätigen. Seit der Biosphäre in Potsdam 1999 haben wir in Berlin bis zum »Tour Total« 2012 keinen Auftrag mehr bekommen. Erst jetzt bauen wir wieder in der eigenen Stadt, und das gleich an mehreren Stellen.
Welche Projekte haben Sie denn in Berlin?
Frank Barkow: Den Gartenpavillon für die American Academy haben wir 2013, ein Loftgebäude fürs Kreativgewerbe am Moritzplatz im Frühjahr 2014 fertig gestellt. Zwei Bürogebäude am Hauptbahnhof sind im Rohbau und das Estrel-Kongresszentrum in Neukölln mit dem 175 m hohen Hotelturm ist in Planung.
Was reizt Sie an Hochhäusern besonders?
Frank Barkow: Im Industriebau haben wir fast alle Konzepte und architektonischen Ideen realisieren können, die wir in all den Jahren entwickelt haben. Da ist es schon erfrischend, etwas ganz anderes zu machen. Und schlanke Türme sind nun einmal komplementär zu flachen Hallen. Aber ganz ehrlich gesagt: Beim Hochhausbau sind die Gestaltungsspielräume im Inneren sehr gering. Daher versuchen wir durch spannungsreiche Kubaturen und plastisch ausgebildete Fassaden einen Dialog mit der Stadt herzustellen. Natürlich sehen wir nach wie vor auch im Industriebau Herausforderungen und es wäre töricht, gerade die Bauaufgabe zu vernachlässigen, in der wir die meiste Erfahrung und Expertise mitbringen.
Durch die hohe Qualität Ihrer Bauten haben Sie den Industriebau in Architektenkreisen wieder »hoffähig« gemacht. Nimmt die Nachfrage an hochwertigem Industriebau zu?
Regine Leibinger: Besonders bei Bauherren verzeichnen wir ein deutlich gesteigertes Interesse. Wir merken das daran, dass auch in diesem Bereich zunehmend Architektenwettbewerbe ausgeschrieben werden. Das gilt gerade für mittelständische Unternehmen, diese oftmals öffentlich weniger bekannten, aber besonders erfindungsreichen Weltmarktführer, von denen wir hierzulande viele haben. Für uns bedeutet das mehr potenzielle Aufträge, aber auch mehr Konkurrenz auf einem Gebiet, das die Kollegen früher eher gemieden haben. Wir sind aber weder die ersten, noch die einzigen, die dem Industriebau wieder einen Platz innerhalb der Architektur gegeben haben. Der Vitra-Campus in Weil am Rhein zum Beispiel hat viel mehr Aufsehen erregt als unsere Projekte.
Woran liegt das?
Regine Leibinger: Vitra-Chef Rolf Fehlbaum hat es seit den 1980er-Jahren verstanden, weltberühmte Architekten für seine Produktionshallen zu gewinnen. So ist sein Campus im Lauf der Jahre zu einer regelrechten Architekturausstellung geworden, die anders als andere Produktionsstätten ja auch für Besucher zugänglich ist.
Frank Barkow: Der Industriebau hat diese neue Aufmerksamkeit aber auch verdient, er ist eine zu unrecht vernachlässigte Bauaufgabe. In der Architekturgeschichte sind hier die größten Innovationssprünge und mutige Experimente gelungen: Denken Sie nur an AEG, Fagus, Ford, Johnson Wax, Olivetti .
Sie planen auch große Industrieareale, was ist Ihre Philosophie dabei?
Regine Leibinger: Wir haben dafür den Begriff des »Soft Masterplanning« geprägt. Es geht darum, kein zu starres Regelwerk aufzustellen und Dinge in ferner Zukunft festlegen zu wollen, die sich gar nicht vorhersagen lassen. Ein guter Masterplan reagiert auf die Entwicklung des Unternehmens. Er kann schnelles Wachstum abbilden, bleibt aber nicht unvollständig, wenn die einzelnen Schritte länger dauern. Er kann reagieren, wenn sich Technologien ändern oder ganz neue Anforderungen entstehen. Dazu muss man sich sehr tief in die Produktionsprozesse einarbeiten, das Unternehmen wirklich verstehen, diese Form des Dialogs lieben wir.
Frank Barkow: Dann ist natürlich der Umgang mit dem Kontext wichtig. Unser Campus-Entwurf für Bayer Schering Pharma in Berlin sollte zum Beispiel durch »Soft Edges« Übergangszonen zum umgebenden Stadtquartier schaffen. Meistens liegen die Industrieanlagen aber in ländlichen Gebieten, da versuchen wir intensiv einen Dialog mit der jeweiligen Landschaft aufzubauen. Für Bauherren, die sich für uns entscheiden, steht nicht ein ikonografisches Gebäude im Mittelpunkt, sondern eine qualitativ hochwertige Architektur, die ihre Produktionsprozesse funktional unterstützt und attraktive Arbeitsplätze schafft. Uns geht es nicht um Corporate Identity, sondern um Qualität.
Dennoch ist Ihnen mit dem Mitarbeiterrestaurant in Ditzingen ein Bau gelungen, der durchaus ikonografische Qualitäten hat.
Regine Leibinger: Von außen ist das Gebäude fast unsichtbar, da wir es ins Gelände eingegraben haben. Man darf es aber nicht isoliert betrachten, es ist Teil des Masterplans für den Trumpf-Campus. Als wir vor vielen Jahren begonnen haben, in Ditzingen den Stammsitz des Unternehmens zu erweitern, fanden wir dort mehr oder weniger konventionelle Gebäude aus den 1970er-Jahren vor. Aber es gab ein Verständnis dafür, dass gute Architektur zur Vermittlung von Qualitätsbewusstsein beiträgt, die Identifikation fördert und auch ein Potenzial zur Motivation der Mitarbeiter hat. Unter dieser Maßgabe haben wir im Verlauf der Jahre mehrere Produktionshallen, ein Vertriebszentrum, ein Schulungsgebäude und schließlich die Hauptpforte und das Betriebsrestaurant bauen können.
Was war an diesen Bauten besonders reizvoll?
Frank Barkow: Bei unseren Produktionshallen versuchen wir, spannungsvolle Fassaden zu gestalten, effiziente Tragwerke und ansprechende Aufenthaltsbereiche zu schaffen, und ich denke, das gelingt uns auch. Dennoch sind es zuerst einmal ganz pragmatische Kisten, die in hohem Maße ökonomischen und funktionalen Zwängen unterworfen sind. Bei der Hauptpforte war das anders. Hier haben wir die Chance genutzt, experimenteller zu arbeiten, denn es sollte so etwas wie die gebaute Visitenkarte des Unternehmens werden, seine Kompetenzen im Umgang mit Metall zeigen. Wir haben uns gefragt: Was würde Jean Prouvé in einem solchen Fall machen? Wir wollten ein Gebäude, das mit der Lasertechnologie des Bauherrn hergestellt wurde. So entstand die Idee für das 20 Meter auskragende Dach aus Stahlblech. Beim Betriebsrestaurant haben wir dann die Freiheit genutzt, keine rechteckige Halle bauen zu müssen. Das Fünfeck reagiert auf seine Nachbarbauten, wird zum Herzstück des Campus. Auf den ersten Blick wirkt die Konstruktion ungewohnt spielerisch, der Raum ist fast stützenfrei, hoch und hell, die Akustik ist sehr gut für eine Kantine.
Der Bau ist auch mit der »Nike« für soziales Engagement ausgezeichnet worden. Aber rechnet sich ein so hoher Aufwand auch für den Bauherrn?
Regine Leibinger: Der Aufwand rechnet sich mehrfach. In diesem Bau sind die Pausen für die Mitarbeiter wirklich erholsam. Wenn sie eine konventionelle Kantine bauen, wird sie nur zu den Mahlzeiten genutzt. Den Rest des Tages steht sie leer. Das Betriebsrestaurant in Ditzingen ist bei den Mitarbeitern so gut angekommen, dass dort auch Besprechungen abgehalten werden, Präsentationen stattfinden und Gäste empfangen werden, es ist ein Event Space.
Frank Barkow: Das passt zu dem Punkt, den wir vorher besprochen haben. Weit wichtiger als eine ikonografische mediale Außenwirkung ist für die Firmen eine hohe Attraktivität für die eigenen Leute. In Zeiten des Facharbeitermangels herrscht auf dem Arbeitsmarkt ein »War for Talents«. Ein guter Lohn allein genügt nicht mehr, um die besten Mitarbeiter zu bekommen. Ein angenehmes Arbeitsumfeld ist da ein entscheidender Faktor. Hierzu gehören für uns wohnliche Aufenthaltsbereiche, hochwertige Erschließungsräume, haptische Oberfläche, viel Tageslicht und der Blick ins Grüne. Die Freiflächenplanung, Innenhöfe oder Dachterrassen sind da genauso wichtig wie die Produktionshallen selbst.
Was hat sich in den letzten 15 Jahren im
Industriebau verändert?
Regine Leibinger: Überraschend wenig, wenn man bedenkt, welche immensen Innovationssprünge die Produktionstechnologie der Firmen gemacht hat. Die Anlagen werden immer komplexer, gleichzeitig führt die Just-in-Time-Produktion zu wesentlich kleineren Lagerflächen und Logistikhallen.
Frank Barkow: Was sich kontinuierlich ändert, sind die Stützenabstände. Unsere ersten Hallen hatten ein Raster von 14 Metern, dann wurden es 18 und zuletzt 12 ≈ 24 Meter. Die Raster bilden die Arbeitsprozesse ab und variieren von Firma zu Firma. Generell werden die immer größeren Maschinen in immer kürzeren Zyklen neu angeordnet.
Regine Leibinger: Die größten Veränderungen liegen in der Steigerung der Energieeffizienz und der Ressourcenschonung.
Wie sieht heute nachhaltiger Industriebau aus?
Frank Barkow: Flexibilität ist ein ganz wesentlicher Faktor von Nachhaltigkeit. Etwas, das ich in zehn Jahren nicht mehr gebrauchen kann, ist nicht nachhaltig, auch wenn es Solarzellen auf dem Dach hat. Ich würde das funktionale Nachhaltigkeit nennen, wenn Architektur adaptierbar und reaktionsfähig ist, außerdem von robuster Qualität, hochwertig ausgeführt, mit guten Materialien. Soziale Nachhaltigkeit ist ein zweiter Punkt, der oft vergessen wird. Wir verbringen so viel Zeit am Arbeitsplatz, es gibt einfach eine Verantwortung, dass dort gute Bedingungen herrschen. Aber die Energiekonzepte sind natürlich auch sehr wichtig.
Regine Leibinger: Bei unserem bisher größten Industriebau, dem Werk von HAWE in Kaufbeuren, sind die Wiesenflächen neben den Hallen als Retentionsbecken ausgebildet, damit das Regenwasser von der riesigen Dachfläche auf dem eigenen Grundstück versickern kann (s. S. 173ff.Die Fabrik im Grünen soll auch eine »grüne Fabrik« sein, sie unterschreitet die ENEV um knapp 40 %. Das bedeutet eine Drei-Scheiben-Wärmeschutzverglasung der Nordsheds und transluzente Wärmedämmung zwischen den Profilbaugläsern der blendfreien Stirnseiten nach Süden. Wir haben überall LEDs als Leuchtmittel eingesetzt, das amortisiert sich bei der langen Brenndauer bereits nach drei bis vier Jahren. Die hochgedämmten Wand- und Deckenpaneele lassen sich bei der Demontage einfach trennen und recyceln.
Früher waren Fabrikhallen laut, kalt und zugig. Ist es nicht übertrieben, plötzlich den Energiestandard von Einfamilienhäusern für den Industriebau zu fordern?
Regine Leibinger: Allein durch die Größe bringen Einsparungsmaßnahmen im Industriebau mehr als bei Einfamilienhäusern. Und die Hallen, die wir bauen, sind ja nicht für Industrieroboter, sondern für Menschen mit einem Wunsch nach Behaglichkeit.
Wenn Nachhaltigkeit eine so große Rolle spielt, weshalb bauen Sie Ihre Hallenkonstruktionen dann nicht aus Holz?
Regine Leibinger: Bei unserem dritten Pavillon auf dem Trumpf-Campus im schweizerischen Grüsch haben wir Holz nicht nur für die Fassade, sondern auch für die Träger eingesetzt. Diese 50 ≈ 70 Meter große Flachdachkonstruktion aus massiven, ein Meter hohen Leimbindern war in nur zwei Wochen aufgerichtet. Mitten in den Bergen passt Holz in den Kontext. Im Industriebau sprechen architektonische und technische Rahmenbedingungen aber oft dagegen. Wenn ein Unternehmen Lasersysteme zur Metallbearbeitung produziert oder Hydraulikkomponenten aus Stahl, erscheint uns eine Aluminiumhülle schlüssiger. Für Kaufbeuren hatten andere Architekten in ihrem Wettbewerbsbeitrag eine Holzfassade vorgeschlagen. Offensichtlich wussten sie nicht, dass die Dämpfe der dort verwendeten Maschinenschmierstoffe den Kleber von Leimbindern lösen. Bei den hohen Brandschutzanforderungen, die hier herrschen, den hohen Brandlasten und den großen Brandabschnitten stößt selbst Stahl an Grenzen und wird unwirtschaftlich. Damit wir die jeweils bis zu 13 000 Quadratmeter großen, 13 Meter hohen Hallen nicht sprinklern mussten, haben wir deshalb nicht nur für die Stützen, sondern auch für die Träger Fertigteile aus Stahlbeton entwickelt.
Ist Stahlbeton bei diesen Spannweiten nicht zu schwer und zu klobig?
Frank Barkow: Man kann auch Stahlbetonfertigteile elegant ausbilden, denken Sie nur an die Bauten von Angelo Mangiarotti! Wir wollten vermeiden, dass die Träger den Blick durch die Nordsheds in den Himmel komplett verdecken. Mit den gerundeten Durchbrüchen bleibt diese Transparenz erhalten, das Gewicht wird minimiert und Leitungen können in der Trägerebene geführt werden – wie bei Lochträgern aus Stahl, aber ohne die Probleme von Schutzbeschichtungen gegen Korrosion und Feuer.
Weshalb sind die Büroräume aus Ortbeton?
Regine Leibinger: Büros haben ja ganz andere Anforderungen, von der Geschosshöhe über Rastermaße, Tageslicht, Schallschutz bis zu Elektroinstallationen. Deshalb haben wir sie nicht innerhalb der Hallen angeordnet. Bei einer künftigen Erweiterung vergrößert sich nur die Hallenfläche, nicht die Anzahl der Büroarbeitsplätze. Die Produktionsplaner haben ihre Büros zwischen Halle und Innenhof und so die Kontrolle über die Produktion, außerdem Tageslicht und einen Blick ins Grüne.
Auch im Industriebau verwenden Sie plastische Formen. Bedeutet das nicht einen Mehraufwand oder eine Einschränkung der Funktionalität?
Frank Barkow: Uns interessiert die Dreidimensionalität, vor allem bei Fassaden. Das sehen Sie an der Bürofassade des Trutec Building in Korea oder in Berlin bei den Betonfertigteilen des Tour Total. Und mit vergleichbaren Mitteln versuchen wir auch, den endlosen Wänden und Dachflächen von Industriehallen eine skulpturale Qualität zu geben. Aber eins ist klar: Die Produktionsprozesse müssen laufen. Architektur darf sie nicht behindern, sondern muss sie fördern. Die grandiose Hutfabrik von Erich Mendelsohn ist verfallen, weil sie nicht zukunftsfähig war, Rafael Moneo hat seine wunderbare Fabrik in Barcelona auf die damalige Funktion hin maßgeschneidert, sie ist kaum an neue Abläufe anpassbar. Deshalb sind bei uns die Grundrisse flexibel und einfach wie Funktionsdiagramme. Die Schnitte dagegen sind spezifisch, komplex und figural.
Ist das Ihr Erfolgsrezept?
Regine Leibinger: Wir haben immer das Ziel, ganz viel miteinander in Einklang zu bringen: innovative Gestaltung, technologische Innovation, qualitätvolle Arbeitsplätze, ortsspezifische Lösungen. Um das umzusetzen, braucht es den richtigen Bauherrn. Das sind vor allem inhabergeführte Unternehmen mit einem klaren Bekenntnis zum Standort. Sie sind die beste Voraussetzung für gute und damit nachhaltige Architektur – auch im Industriebau.






